Wie man das Thema mentale Gesundheit am Arbeitsplatz integriert

4. Juni 2021
Ein Gastbeitrag von Samuel Turnwald
Ein Blick auf Netflix-Serien wie „Suits“ zeigt: In Deutschland hängen wir beim Thema mentale Gesundheit im Job noch ziemlich hinterher. Top-Anwalt Harvey Specter sitzt in der US-amerikanischen Serie so regelmäßig bei seiner Psychologin auf der Couch, als wäre sie seine Hausärztin, und auch sein Gegenspieler Louis klingelt bei jeder Gelegenheit bei seinem „Haus-Psychologen“ durch.
Hierzulande eher unvorstellbar? Wer in Deutschland darüber spricht, dass er oder sie zum Psychologen geht, wird selbst im Freundeskreis schnell in die „leichter Dachschaden“-Schublade gesteckt. Und was im Privaten schon schwierig ist, bleibt im beruflichen Umfeld meist Tabuthema.
Doch so kompliziert müsste es eigentlich gar nicht sein – über Rückenprobleme und Verspannungen, die genauso durch Stress und Belastungen im Job ausgelöst werden, sprechen wir ja auch. Genauso normal muss auch der Austausch über die mentale Gesundheit im Team werden.

Es reicht also nicht, Angebote zur Prävention zu schaffen – wir müssen auch darüber reden, dem Thema Raum geben. Wie Teamleiter:innen, Führungskräfte und auch Kolleg:innen hier das Gespräch beginnen und langfristig eine offene Kommunikationskultur schaffen:
Warum ist es so schwer, aber auch so wichtig darüber zu sprechen?
Kopfarbeit, sitzend, schnelllebig und flexibel, selbstorganisiert und eigenverantwortlich, emotional an Arbeitgebende geknüpft und gleichzeitig mit verschwimmenden Grenzen zwischen Beruf und Privatleben – Arbeit bedeutet heute gerade im Homeoffice immer weniger körperliche Leistung und fordert immer mehr mentale Belastbarkeit und Entgrenzung von uns. Das sorgt nicht nur für verspannte Rücken und Bewegungsmangel, sondern auch für immer mehr Burnouts, Schlafstörungen, Ängste und andere psychische Erkrankungen.
Psychische Belastungen zu erkennen wird so zudem schwieriger: Mit zeitlich flexibler Remote-Arbeit sprechen wir immer weniger direkt miteinander – Zwischenmenschliches und nonverbale Hinweise gehen so viel zu schnell verloren. Die Zahlen zeigten jedoch schon vor der Pandemie eine klare Richtung an: Laut DAK Psychoreport 2020 haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage im Bereich mentaler Gesundheit in den letzten Jahren mehr als verdoppelt.
Der allgemeine Krankenstand ist jedoch nicht im gleichen Verhältnis gestiegen. Die aktuellen Doppelbelastungen durch Homeoffice, Kinderbetreuung und die soziale Isolation im Lockdown verstärken den Druck auf Mitarbeitende zusätzlich – den auch Unternehmen ernst nehmen müssen.
Schluss mit der Scham
Schließlich reden wir über die eigene Psyche bei der Arbeit nur ungern. Zu privat und zu groß die Angst, als nicht belastbar, schwach, anfällig und als „herausfordernden Aufgaben nicht gewachsen“ abgestempelt zu werden. Die Hemmschwelle verbietet es uns oft, Rat zu suchen. So kommen – wenn überhaupt – Burnouts und Co. erst auf den Tisch, wenn es zu spät ist.
Zahlreiche Unternehmen bieten bereits Corporate-Wellbeing-Maßnahmen mit mentalem Fokus an. Damit diese Angebote aber auch von den Mitarbeitenden wahrgenommen und tatsächlich genutzt werden, muss das Thema im Team normalisiert werden. Dabei sollte ganz klar rüberkommen: Psychische Gesundheit betrifft uns alle, Überbelastungen spürt jede:r mal und niemand wird bei Problemen als „nicht leistungsfähig“ verurteilt.
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Author: James Fond