Newnew: Wenn der freie Wille zum Business-Modell wird

19. Mai 2021
Erinnert ihr euch an „Black Mirror: Bandersnatch”? Man konnte die Handlungen des Protagonisten Stefan Butler bestimmen und immer wieder zwischen bestimmten Entscheidungen wählen. Gegen Ende des interaktiven Films sagt Butler, er habe das Gefühl, etwas bestimme seine Entscheidungen – fast so, als würde er sie nicht selbst treffen. Gänsehaut pur. Schließlich war man in den vergangenen zwei Stunden Strippenzieher:in in seinem Leben.
Die Faszination um den freien Willen ist nichts Neues. So wurde auch im Film „Die Truman Show“ damit gespielt, dass Trumans Leben von außen gelenkt wird. Bei Sims ging es darum, die Interaktion der Figuren zu steuern. Und der Amerikaner Mike Merill hat es komplett auf die Spitze getrieben. Man konnte Investor:in seines Lebens werden und somit seine Lebensentscheidungen beeinflussen.
Und gerade, wenn man denkt, es könnte nicht absurder werden, gibt es ein Business-Modell, das mit dem freien Willen spielt.
Macht gegen Geld – ein faires Tauschgeschäft?
Influencer:innen haben Macht. Fans und Follower:innen haben ohnehin ein großes Intresse am Leben ihrer Vorbilder. Sie wollen wissen, was sie machen, welche Produkte sie nutzen und stürzen sich auf jede Empfehlung. Jetzt wird der Spieß mit dem Einfluss umgedreht.

Mit Hilfe der App Newnew ist das möglich. Das Prinzip ist simpel: Influencer:innen geben ihren Follower:innen die Macht über ihre persönlichen Entscheidungen. Was sollen sie essen? Was sollen sie anziehen? Was sollen sie heute machen? Man kauft sich Votes und gibt diese für bestimmte Entscheidungen ab.
Zunächst klingen die Optionen einfach und ungefährlich. Doch wie weit geht man in der App? Reicht es Menschen, die Macht über relativ unbedeutende Entscheidungen zu haben? Oder will man mehr? Das Leben kontrollieren?
Generell werden krasse Wörter verwendet, um die App zu beschreiben. Man liest von „Kontrolle“ oder „das Leben verkaufen“ und beschrieben wird sie mit „The Control My Life App“. Pardon my French, aber WTF?
Ich war neugierig und habe mir die App angeschaut
Als ich davon gelesen habe, war ich neugierig und habe mir die App runtergeladen. Ganz oben auf meiner Discover-Seite ist „Moni’s Group“ mit 14.336 Votes. Zu sehen ist eine junge Frau, die erzählt, man könne darüber abstimmen, was sie anzieht, was sie isst und was sie so macht. Mehr kann ich nicht sehen, ich müsste mir Votes und somit Zugang zu weiteren Videos kaufen.
Darunter ist „My Starbucks life“ mit 3.065 Votes. Man kann für Kyle abstimmen, was er im Starbucks Coffee Drive Thru kaufen soll.
Die App ist relativ neu und hat bereits bedeutende Investor:innen
Die App der Gründerin Courtne Smith befindet sich aktuell noch in der Beta-Phase und es ist noch nicht allen möglich, ihre Entscheidungsfreiheit zu verkaufen. Angeblich gehe es in der App darum, noch enger mit Fans zu interagieren und diese Connection zu monetarisieren.
Für fünf Dollar kann man einen Vote kaufen. Für zwanzig Dollar kann man die Influencer:innen zu einer bestimmten Tätigkeit auffordern – man kann sie auch ablehnen.
Dass die App bald wieder verschwinden werde, ist relativ unwahrscheinlich. Bereits jetzt gehören beispielsweise Andreessen Horowitz, der PayPal Co-Founder Peter Thiel und Schauspieler Will Smith zu den Investor:innen.
Mein Fazit: Hier wird ein sehr problematisches Bild von Macht vermittelt
Umso weiter ich scrolle, desto absurder finde ich alles. Hier sind ein paar Dudes unterwegs, aber vor allem normschöne Frauen mit langen Haaren, teilweise tiefen Ausschnitten und süßen Stimmen.
Was wird hier vermittelt? Geld ist Macht? Solange ich bezahle, darf ich über schöne Frauen bestimmen? Wie viel Macht besitze ich noch, wenn ich sie monetarisiere?
Natürlich können die Influencer:innen die Entscheidungen und ihre Ausmaße selbst bestimmen. Doch was ist, wenn daraus eine Wechselwirkung aus finanzieller Abhängigkeit und Machtgeilheit entsteht? Wo sind hier die Grenzen?
Die Antworten auf die Fragen kenne ich natürlich nicht und meine Einschätzung beruht hauptsächlich auf meiner Recherche und meinem persönlichen Eindruck. Ob ich die App trotzdem problematisch finde? Auf jeden Fall. Es wird damit gespielt, dass Geld Macht ist. Und zwar die Macht über den freien Willen.
Social Media bestimmt unser Leben
Wann immer in der Vergangenheit gesagt wurde, Social Media bestimme unser Leben, wurde sicherlich nicht an diese Form gedacht. Eher war der Einfluss von Instagram und TikTok damit gemeint. Jetzt kann das Leben tatsächlich via App von anderen kontrolliert werden. Die App ist lediglich Vermittler, die ausführende Kraft sind die Bezahlenden.
Wo soll das alles hinführen und ab wann wird es gefährlich?
Wie bereits erwähnt, ist das Spiel mit dem freien Willen ein altbekanntes. Deshalb haben wir mal ein paar Filme und Serien gesammelt, die sich damit beschäftigen und die Diskrepanz besonders gut beschreiben.

Author: James Fond