Liebe, Liebe, Liebe – der märchenhafte Aufstieg von DJ Solomun

17. Mai 2021
Von der Teeniedisco in Eimsbüttel bis ins Pacha auf Ibiza: Die Geschichte des DJs und Produzenten Solomun klingt wie ein Märchen. Im Sommer erscheint Solomuns erst zweites Album – das soll ihn endgültig in die Weltstar-Riege führen.
Das DJ-Pult steht inmitten der barfuß tanzenden Crowd. Neben dem Pult: ein Glas Weißwein, an dem der Mann im Mittelpunkt immer wieder nippt. Die Tracks sind melodisch, haben dennoch Biss, die Beats werden von Vocals begleitet. Der Mann scheint konzentriert. Zwischendurch klatscht er in die Hände, streckt seine Arme nach oben. Harmonie! Euphorie! Zwei Begriffe, die mit Mladen Solomun Hand in Hand zu gehen scheinen.
Mehr als 48 Millionen Aufrufe hat Solomuns Boiler Room Set auf Youtube, es ist das meistgesehene Set nach dem von Technolegende Carl Cox und eines der bekanntesten DJ-Sets überhaupt. Solomun ist bei Aufzeichnung des Sets im Jahr 2015 39 Jahre alt, groß, bärtig und trägt sein graues Haar zurückgekämmt. Die schwarzen Shorts und sein Shirt passen perfekt zu seiner schwarzen Sonnenbrille. Fast wie ein Geheimagent – ein Geheimagent der Liebe.
Der Junge mit der Kassette
Auch sechs Jahre später ist dieser Boiler-Room-Auftritt noch Solomuns Visitenkarte. „Er hat etwas Besonderes, eine gewisse Aura, mit der er jeden Raum füllt. Mladen hinterlässt immer einen bleibenden Eindruck“, sagt der Schauspieler Elyas M’Barek, ein guter Freund von Solomun, über den DJ und Musikproduzenten. Auch im Gespräch strahlt Solomun von der ersten Minute an genau diese Freundlichkeit und Harmonie aus. Er ist einer der populärsten DJs der Welt. Ein mittlerweile großer Name in der elektronischen Musikwelt. Und wirkt doch durch und durch bodenständig. Weil er bodenständig aufgewachsen ist und ihm nichts geschenkt wurde.

Doch Ende Februar sitzt der freundliche Mann, dem nichts geschenkt wurde, am anderen Ende der Welt in der mexikanischen Küstenstadt Tulum in der Sonne. Er trägt eine rote Badehose, ein schwarzes Shirt, keine Sonnenbrille. Sein Bart und seine Haare sind lang und grau. Gemütlich fläzt er in einem Sessel und grinst in die Laptopkamera. Im Hintergrund Sonnenstrahlen und Palmen, die sich im Wind wiegen.
Im Dezember 2020 ist Solomun in Tulum gestrandet. Kurz zuvor war er auf Ibiza, dann in Portugal. In Mexiko wollte er anschließend nur einen Monat bis Weihnachten bleiben, doch daraus wurden mittlerweile drei. „Ich wollte hier immer schon mal etwas länger Urlaub machen. Und das Leben hier ist auf jeden Fall anders als in Europa. Es ist normaler. Und ich hatte die Möglichkeit, länger zu bleiben“, sagt Solomun.
Seine Routine in Tulum beschreibt er so: „Ich stehe auf, mache mir meinen Kaffee, habe drei, vier Telefonate, checke meine E-Mails. Nach ein paar Stunden Arbeit entspanne ich den Rest des Tages.“ Der legendäre weiße Sandstrand, das kräftige türkisblaue Wasser scheinen Solomun zufrieden und gelassen zu machen, trotz Pandemie, trotz des verordneten Stillstandes. Seine Stimme ist warm und ruhig.
Die Vorgeschichte geht so: Solomuns Eltern, die aus Jugoslawien nach Deutschland ausgewandert sind, lernen sich in Hamburg kennen. Für die Geburt ihres Sohnes fahren sie 1975 jedoch in ihr Heimatland nach Travnik im Lašva-Tal, 100 Kilometer nordwestlich von Sarajevo zwischen den Gebirgszügen Vlaši und Vranica. Dort sollte der kleine Mladen dann zur Welt kommen und getauft werden, erzählt Solomun am Strand von Tulum. Schon zwei Wochen nach Solomuns Geburt reiste die kleine Familie wieder zurück nach Hamburg.
Dort wächst Solomun in einfachen Verhältnissen auf und hat als Kind eigentlich nur eines im Kopf: Fußball. Bis eines Tages, als Solomun zehn oder elf Jahre ist, sein älterer Cousin ihm eine Kassette in die Hand drückt. Darauf: ein Mitschnitt eines DJ-Sets aus einer Diskothek. Elektronische Musik der 80er, neu und unbekannt. „Das war der Aha-Moment, in dem ich gemerkt habe, dass es da draußen noch viel mehr Musik zu entdecken gibt“, sagt Solomun heute. Er ist angefixt.
„Ich habe schon damals erkannt, wie kraftvoll Musik ist.“
Danach wird das Haus der Jugend in Hamburg-Eimsbüttel Solomuns zweites Zuhause, vor allem die Teenie-Disco, jeden Mittwoch von 18 bis 22 Uhr. Einmal die Woche übernimmt er die Aufsicht der Disco, verdient damit 100 Mark und kauft damit direkt wieder neue Musik. Zwei Jahre lang ist Solomun im Haus der Jugend für die Musikauswahl verantwortlich, ab und zu darf er selbst an die Turntables. Nach der Schule entscheidet sich Solomun aber für die Filmbranche, arbeitet als Kameramann, dreht Kurzfilme. Und doch sagt er heute: „Ich habe schon damals erkannt, wie kraftvoll Musik ist.“
In Hamburg ist damals Hip-Hop groß, alle hören Rap, aber Solomun ist kein großer Fan. Die Partys, auf die seine Freund:innen gehen, sind zu unentspannt und testosterongeladen. Mit Anfang 20 schleppt ein Freund ihn mit auf eine Party, auf der DJ Antonelli Electr. des Kölner Technolabels Kompakt auflegt. Und dieser Abend ändert alles für ihn.
Die Musik hat genau den Vibe, der ihn glücklich macht, elektronisch und leicht. „Die Party war wie eine Erweckung. Von da an habe ich jede Woche etliches Geld in Musik investiert“, sagt Solomun. „Ich war jede Woche im Plattenladen und habe mir immer mehr Musik gekauft.“ Den Job in der Filmbranche behält er aber, zumindest vorerst. Schließlich musste er seine explodierende Plattensammlung irgendwie finanzieren.
Als er einige Zeit später gefragt wird, ob er bei einem Geburtstag in einer Wohnung auf der Reeperbahn auflegen kann, sagt er sofort zu. Eigentlich sollen an diesem Abend mehrere DJs spielen, am Ende aber bleibt Solomun die ganze Nacht an den Turntables und beschallt nicht nur die Wohnung, sondern die halbe Reeperbahn: „Das war ein krasses Bild“, sagt Solomun und grinst. „Ich erinnere mich, dass sich Menschen vor der Wohnung auf der Straße versammelten und zu meiner Musik tanzten.“
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Author: James Fond