Kora Mikino über Startups: Was sich nach dem Pinky-Gloves-Vorfall ändern muss

23. April 2021
Mitte April wurde der Hashtag #Pinkygate in den Medien groß. Zwei Männer entwarfen einen pinken Einweg-Plastikhandschuh, damit Menstruierende ihre Tampons entsorgen können, stellten ihn bei der „Höhle der Löwen“ vor und bekamen ein Investment. Ärger und Frust darüber entstand unter Gründer:innen aus der Menstrual Health Branche, aber auch menstruierenden Personen. Der Hashtag mündete in einem Shitstorm, der die Gründer dazu brachte, das Produkt einzustellen.
Was kann man aus dem Vorfall lernen? Welche Chancen hat #Pinkygate hervorgebracht? Darüber haben wir mit Julia Rittereiser, Gründerin der Periodenpantys Kora Mikino, gesprochen. Mit zeitlichem Abstand hat sich ihre Sicht zu dem Thema nämlich verändert.
Julia, du sagst, der Umsatz von Kora Mikino hat sich nach #Pinkygate verdoppelt. Wie erklärst du dir das?
Am Tag nach #Pinkygate haben wir sehr viele Periodenpantys verkauft, weil sich in der Instagram-Bubble eine Welle der Solidarität entladen hat. Große Influencer:innen, die für Storys sonst Geld von uns möchten, aber auch Leute mit Privat-Account, haben uns auf Instagram verlinkt und Beiträge geteilt. Das haben wir deutlich in den Umsätzen gemerkt. Ich gehe stark davon aus, dass auch andere Startups im Menstrual Health Bereich finanziell von #Pinkygate profitiert haben.

Inwieweit hat euch der Vorfall noch einen Gefallen getan?
Sie haben das Thema in die große Arena katapultiert und uns damit den Reality Check geliefert, dass Gründer:innen im Periodenbereich in einer selbstreferenzierten Bubble in Berlin und anderen Großstädten leben. In diesen Spiegel müssen wir auch selbstkritisch reinschauen.
Da bietet sich jetzt die Chance, aus der Bubble rauszukommen. Was können Gründer:innen für die Zukunft in Bezug auf Kommunikation lernen?
Dass wir niedrigschwelliger kommunizieren, einen offenen Dialog erzeugen und in unserer Tonalität nicht so spitz sind. Wir bauen uns momentan einen Elfenbeinturm und adressieren eine „Elite“. Ich glaube, man muss viel öfters seine Kommunikation auf Social Media hinterfragen und überprüfen, ob man inklusiv oder vielleicht nicht doch zu abgehoben ist. Das werden wir in Zukunft bei Kora Mikino auch machen. Das gilt übrigens für alle Branchen, nicht nur für den Perioden-Bereich.
Das klingt sehr selbstreflektiert.
Ironischerweise haben mein Team und ich ein paar Wochen, bevor #Pinkygate passiert ist, beschlossen, unsere Kommunikation zu verändern. Wir haben uns mit einem externen Brand-Berater zusammengetan. Er hat uns ein paar Sachen gespiegelt. Dadurch haben wir festgestellt: Wir sind die Nische in der Nische.
Wenn wir dann noch abgehoben kommunizieren, wen erreichen wir dann noch? Das kann ich allen empfehlen, jemanden dazu zu holen, die oder der eine andere Perspektive einbringen kann. Das hilft enorm. Generell muss man in der Kommunikation Lernmöglichkeiten eröffnen. Trotzdem muss man sich nicht alles gefallen lassen. Punkt.

Wie wollt ihr eure Kommunikation dann aufstellen?
Unsere Zielgruppe ist ein Mensch, der blutet. Für die sind auch unsere Produkte, an die wird sich unsere Kommunikation auch weiter richten. Trotzdem möchten wir da keinen elitären Feminismus mehr machen. Das haben wir teilweise gemacht und vieles kritisiert. Wir wollen konstruktiver sein und viel mehr Austausch zulassen.
Welche Chancen ergeben sich in Zukunft bei der Marktforschung ?
Ehrlicherweise ist das Mächtigste, das wir kleinen Startups anwenden können, Co-Creation, sprich die Produktentwicklung mit der Community gemeinsam zu machen. Beispielsweise, indem man sie über kleine Dinge wie über die Farbe oder das Muster abstimmen lässt. Das ist das Schöne an sozialen Medien, man kann sehr viel Rückmeldung bekommen. Das müssen Gründer:innen in Zukunft noch viel mehr nutzen. Das minimiert Risiken und baut eine Bindung zur Community auf.
Für die Zukunft glaube ich grundsätzlich, müssen Gründer:innen, wenn sie Produkte entwickeln, nochmal mehr einem Realitätscheck unterwerfen. Heißt, nochmals genau prüfen, ob das Produkt zeitgemäß ist und welches Menschenbild man damit transportiert. Im Startup-Sprech also den Product-Market-Fit checken. Dem Test sollte man jedes Produkt unterziehen und damit eine ethische, soziale, gesellschaftliche und ökologische Perspektive berücksichtigen.
Dazu gehört auch, Menschen zu befragen, was sie brauchen und welche Ängste sie haben. Das habe ich mit Kora Mikino gemacht. Danach hatte ich ein sehr klares Bild, wie das Produkt ankommen würde und die Möglichkeit, Feedback zu bekommen, bevor ich finanziell und PR-technisch in ein Fettnäpfchen trete.
Was muss jetzt passieren?
Das Thema Periode und die Menstrual Health Branche haben jetzt viel Aufmerksamkeit bekommen. Wir müssen jetzt stark darauf achten, wie wir damit umgehen. Wenn wir in unserer Bubble weiterhin auf Kante gehen, schrecken wir möglicherweise Menschen, Investor:innen und Handelspartner:innen ab, weil sie sich dann nicht mehr an das Thema trauen. Deswegen müssen wir die Kommunikation überdenken und niedrigschwellig anlegen. Ich denke das gilt nach jedem Shitstorm, egal in welchem Bereich.

Author: James Fond