Impfstoffverfügbarkeit und Herdenimmunität: Mit Blick auf den globalen Finanzsektor steht die Herdenimmunität unmittelbar bevor

Serdar Kucukakin, Aegon AMEin Chemiker, ein Physiker und ein Wirtschaftswissenschaftler sind auf einer einsamen Insel gestrandet und haben nur eine Dose Bohnen zu essen. Nach einer Weile werden sie hungrig und wollen die Bohnen essen, aber sie haben keinen Dosenöffner. Der Chemiker sagt: „Wenn wir die Dose genau an dieser Stelle erhitzen, dann geht die Dose auf.“ Der Physiker sagt: „Nein, wir sollten auf den Felsen dort drüben klettern und die Dose fallen lassen. Die Dose wird eine bestimmte Geschwindigkeit erreichen, bevor sie auf dem Boden aufschlägt, und das wird ausreichen, damit sie sich öffnet.“ Schließlich sagt der Ökonom: „Nein, nein, ihr liegt beide falsch. Was, wenn wir einfach davon ausgehen, dass wir einen Dosenöffner haben?“Ökonomen treffen ständig implizite und explizite Annahmen. Unsere Prognosen zur Kapitalanlage beruhen darauf, und deshalb prüfen wir die Aussagen ganz genau. Die aktuell bekannteste Annahme der Volkswirte lautet: Aufgrund der Impfanstrengungen erreichen die entwickelten Länder am Ende vom zweiten beziehungsweise dritten Quartal (Q2/Q3) Herdenimmunität. Auf globaler Ebene sieht die Lage jedoch anders aus. Verschiedene Mutationen des Corona-Virus führen dazu, dass Virologen darüber diskutieren, wann genau die Herdenimmunität im globalen Rahmen erreicht werden kann.Der Blick auf Bezugswerte für Herdenimmunität lohntSofern sich die Annahme des Erreichens einer Herdenimmunität an der Bedeutung der Länder im globalen Finanzsystem orientiert, dann ist diese möglicherweise tatsächlich zum Ende des zweiten oder dritten Quartals greifbar. Denn das Finanzsystem der westlichen Länder, die zu den Spitzenreitern bei den Impfbemühungen gehören, ist um ein Vielfaches weiterentwickelt und leistungsfähiger als das vieler Schwellenländer. Grobe Schätzungen beziffern den globalen Finanzsektor auf rund 22,5 Billionen US-Dollar, während sich die gesamte Marktkapitalisierung des globalen Bankensystems Ende 2019 auf rund 8 Billionen US-Dollar belief. Gemessen am Tier-1-Kapital hat China die größten Banken, während die USA und Großbritannien den zweiten und dritten Platz einnehmen, gefolgt von anderen westlichen und (kleineren) chinesischen Banken.Wenn man jedoch die gewünschte Herdenimmunität zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Weltwirtschaft in Bezug setzt, ist absehbar, dass am Ende von Q2/Q3 die Herdenimmunität schwerlich erreicht werden kann. Die Länder, die am Ende von Q2/Q3 die Herdenimmunität erreichen werden – darunter USA, Großbritannien, EU-Länder, Kanada, Israel, Vereinigte Arabische Emirate und einige andere kleinere Volkswirtschaften – stellen nur etwa 50 Prozent des globalen BIP.Die Annahme wiederum, dass binnen eines verhältnismäßig kurzen Zeitraums eine Herdenimmunität für große Teile der Weltbevölkerung erreicht werden könnte, war von Anfang an heroisch. Es ist ein Unterschied, ob es Impfstoffe gibt oder ob Impfstoffe tatsächlich für alle 7,8 Milliarden Menschen auf der Welt zur Verfügung stehen. So leben in den Ländern, die bis Ende Q2/Q3 eine Herdenimmunität erreichen werden, gerade einmal 13 Prozent der gesamten Weltbevölkerung. Die beiden Länder, die hier einen wirklichen Unterschied machen könnten, sind China und Indien. Aber mit Stand vom 14. Mai wurden in China und Indien bislang nur 26,45 beziehungsweise 13,02 Dosen pro 100 Menschen verabreicht.Drei Gruppen von Ländern zeichnen sich daher weltweit ab: Die erste Gruppe könnte die Herdenimmunität bereits am Ende des ersten Halbjahres erreichen. Für die zweite Gruppe von Ländern klappt es höchstwahrscheinlich bis zum Ende des dritten Quartals. In der dritten Gruppe wird sich die Herdenimmunität höchstwahrscheinlich erst zu einem späteren Zeitpunkt einstellen. Einzelne Länder werden die gefragte Immunität möglicherweise nicht einmal bis zum Ende des Jahres erreichen.Corona belastet weiterhin die wirtschaftliche Entwicklung der ÜberfliegerIn der dritten Gruppe drängen sich vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer, während in die zweite Gruppe weitgehend europäische Länder fallen. Die Spitzenreiter in der ersten Gruppe sind interessanterweise ebenfalls Schwellenländer: Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate. Großbritannien und die USA hatten einen sehr zügigen Start der Impfkampagne und liegen daher vor der EU. Mit Blick auf die Zukunft wird alles davon abhängen, ob diese Länder das Tempo des Impfprogramms beibehalten können. Das Ziel ist, dass in den USA bis zum 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag, 70 Prozent der Bevölkerung eine erste Impfdosis erhalten haben und 62 Prozent vollständig geimpft sind.Die Verfügbarkeit des Impfstoffs macht global den Unterschied. Mein Team und ich gehen davon aus, dass die wirtschaftliche Erholung im laufenden Jahr noch nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen kann, weil große Teile der Welt auf die Impfstoffe warten und noch nicht zu ihrer vollen Leistungsfähigkeit zurückkehren können. Covid-19 wird daher also auch in denjenigen Ländern weiter zu Wachstumseinbußen führen, die eigentlich schon Herdenimmunität erreichen – aber von den wirtschaftlichen Entwicklungen in vielen anderen Weltregionen abhängig sind.

Author: James Fond