ICM-Vorstand Norbert Hagen: Die Krux mit der Energie

Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass der Corona-bedingte Rückgang der Energie-Nachfrage im vergangenen Jahr 2021 mehr als ausgeglichen wird. Rund 70 Prozent des erwarteten Wachstums stammt aus den Schwellenländern, so die Einschätzung. Die IEA rechnet damit, dass China, Indien und Co. in diesem Jahr schon wieder 3,4 Prozent mehr Energie benötigen als vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie, also im Jahr 2019. Im Vergleich zum Vorjahr soll die weltweite Nachfrage sogar um 4,6 Prozent zulegen.Den stark wachsenden Bedarf an Energie führen die Analysten des kanadischen Analysehauses BCA Research auf den fortgeschrittenen Stand der Impfkampagnen und Eindämmungsmaßnahmen gegen Covid-19 in wichtigen Volkswirtschaften wie den USA, China oder Großbritannien zurück, wo sich die Wirtschaft wieder erholt. Dazu kommen noch umfassende Konjunkturprogramme. Unter dem Strich erwartet die OECD in der größten Volkswirtschaft der Welt in diesem Jahr ein BIP-Wachstum von mehr als 6 Prozent. In China könnte das Plus sogar im Bereich von acht Prozent liegen. Ein höheres Wirtschaftswachstum braucht natürlich auch mehr Energie.Gefragter Kohlestrom

Der Bedarf wird voraussichtlich zu einem großen Teil durch fossile Energieträger gedeckt. Hier steht vor allem Kohle an erster Stelle. Sie soll laut IEA mehr als die Hälfte des weltweiten Zusatz-Bedarfs decken. Insbesondere China und Indien haben in den zurückliegenden 20 Jahren umfangreich Kohlekraftwerke gebaut. Auf diese beiden Länder entfallen mittlerweile 80 Prozent der weltweiten Kohlenachfrage. Gleichzeitig steigt auch die Nachfrage nach Öl weiter an. Das gilt ebenfalls vor allem für die asiatischen Schwellenländer. Dazu kommt, dass sich in den USA der Flugverkehr zunehmend erholt. Und jetzt steht dort noch das jahreszeittypisch höhere Fahraufkommen über das Sommerhalbjahr an.Was die massive Nutzung fossiler Energieträger für das Klima bedeutet, liegt auf der Hand: Die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen (CO2) werden im laufenden Jahr voraussichtlich nicht fallen, sondern um weitere 5 Prozent zulegen. Vor diesem Hintergrund ist klar, dass ein massiver Ausbau erneuerbarer Energiequellen gefordert wird.
Die BCA-Analysten schätzen, dass sich die weltweite Nachfrage nach alternativem Strom in diesem Jahr um 8 Prozent erhöhen wird. Das würde den höchsten Zuwachs innerhalb eines Jahres bedeuten, den es jemals gab. Doch das Problem mit den steigenden CO2-Emissionen ist damit keineswegs gelöst. Denn für den Ausbau der erneuerbaren Energien werden große Mengen von Eisenerz, Stahl und Kupfer gebraucht. Beim Kupfer kommt noch die steigende Nachfrage der Autoindustrie dazu. Denn bei den immer beliebteren Elektroautos wird pro Fahrzeug in etwa die dreifache Menge des Metalls verbaut wie bei einem Wagen mit einem herkömmlichen Verbrennungsmotor.CO2-intensiver BergbauDie Gewinnung dieser Metalle ist mit nennenswerten CO2-Emissionen verbunden. Denn die Bergbauindustrie nutzt für die Förderung und den Transport von Rohstoffen im Wesentlichen drei Hauptenergiequellen: Erstens Dieselkraftstoff – vor allem für den Transport des abgebauten Erzes in der Lieferkette zur Verarbeitung, zweitens Netzstrom und drittens Sprengstoff. Insbesondere der Verbrauch von Diesel und Strom sorgt für einen hohen Ausstoß von Treibhausgasen. Gerade bei Kupfer ist in den kommenden Jahren eine weiter steigende Nachfrage zu erwarten. Denn aufgrund der hohen Leitfähigkeit kommen weder erneuerbare Energien noch Elektroautos ohne das rötliche Metall aus. Für die Produzenten wird es künftig darauf abkommen, den Abbau und den Transport so zu gestalten, dass möglichst wenig Treibhausgase frei werden. Das gelingt vor allem mit Lagerstätten, die einen hohen Kupfergehalt aufweisen. Denn je höher die Konzentration im Erz ist, desto weniger Energie benötigt die Förderung. Dieser Zusammenhang gilt natürlich auch in umgekehrter Richtung.Forscher fanden heraus, dass in Chile, dem weltweit größten Kupfer-Produzenten, von 2001 bis 2017 der Treibstoffverbrauch um 130 Prozent und der Stromverbrauch pro Einheit geförderten Kupfers um 32 gestiegen ist. Der wesentliche Grund waren die gesunkenen Erzgehalte. Es zeigt sich einmal mehr, dass bei der Bewertung von ESG-Risiken die gesamten Lieferketten herangezogen werden müssen. Erneuerbare Energien und Autos mit Elektromotoren sind so betrachtet sehr viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Das sollte Anleger keineswegs davon abhalten, grün zu investieren.Denn immer mehr Menschen gelangen zu der Überzeugung, dass mit der Erde verantwortungsvoller umgegangen werden muss, als es bisher der Fall war. Vor diesem Hintergrund werden Unternehmen, die sozial, umweltbewusst, ressourcenschonend und nachhaltig wirtschaften, erfolgreicher agieren als andere Firmen und dadurch ihren Wert auch stärker steigern. Anleger, die einen positiven Einfluss auf die Umwelt und die Gesellschaft ausüben möchten, werden am Ende durch höhere Renditen belohnt.Über den Autor: Norbert Hagen ist Vorstandssprecher der ICM Investmentbank.

Author: James Fond