Entscheider: Soll man sich der Clean-Desk-Policy beugen?

21. Mai 2021
Ja
Schreibtische sprechen. Nicht wortwörtlich natürlich, aber sie sagen doch viel über uns aus. Diese Lektion lernte ich mit Anfang 20 von einer Chefin, die sich auch gut in „Der Teufel trägt Prada“ gemacht hätte – als Teufel.
Zur Illustration, wie ein Arbeitsplatz nicht aussehen sollte, warf sie in einem ihrer Coaching-Meetings vor dem gesamten Team Fotos des Schreibtischs einer unordentlichen Kollegin an die Wand. Der Name wurde nicht genannt, aber der pinke Flamingo-Kuli und die Fototasse mit Lippenstiftrand verrieten ihr Target sofort. Fremdschämen pur. „Was würdet ihr über die Arbeitsweise dieser Person denken?“, fragte der Teufel in Prada. Wir murmelten alle etwas wie: „chaotisch“ und „unorganisiert“. Niemand vermutete ein kreatives Genie oder eine sympathische Teamplayerin hinter dem Chaos.
Das Learning: Schreibtische machen Leute. Oberflächlich, aber isso. Riesige, zerknitterte Papierstapel sagen: Hier kommt jemand nicht hinterher. Zu viel Schischi deutet auf Sentimentalität hin, und alte Kaffeetassen oder leere Colaflaschen sind einfach nur eklig. Schnell hat man so nicht nur einen unordentlichen Kollegen, sondern auch einen Haufen unerwünschter Bakterien neben sich sitzen.
Zudem ist ein unordentlicher Schreibtisch ineffizient: Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut schätzt, dass rund zehn Prozent der Arbeitszeit durch Unordnung verschwendet werden. Bei einer 40-Stunden-Woche sind das vier Stunden, die man an einem Freitag eher Feierabend machen kann. Also: Warum nicht seinen Schreibtisch für sich sprechen lassen und sich am Freitag von seinem cleanen Schreibtisch einen frühen Feierabenddrink gönnen? Muss ja keiner in die Schubladen schauen. Cheers! 

Insa Schniedermeier
Nein
Ich sage das jetzt mal ganz lapidar: Die meisten Bürothemen lassen mich kalt. Snackbox da oder nicht? So what? Bloß nice-to-have. Kaffee schmeckt wie Plörre? Hauptsache, er macht wach, und man hat einen Grund, ständig vom Büro zur Küche zu gehen. Plausch mit den Kollegen inklusive. Aber es gibt diese eine Sache, die ich nicht nur kategorisch ablehne, sondern die ich als eine Kriegserklärung gegen mich wahrnehme. Gegen mich und die Art und Weise, wie ich arbeite. (Das ist auch der Grund, warum ich hier so sehr aus der Ich-Perspektive schreibe (kommt nicht mehr vor!).) Die Rede ist von der Clean-Desk-Policy.
Der Gedanke daran löst bei mir einen Schreikrampf aus – und ich will gerne erklären, warum: Das Büro ist ein Ort, zu dem wir pilgern, weil wir mit unseren Arbeitgebern einen Deal geschlossen haben. Dieser Deal sieht wie folgt aus: Ich gebe dir einen signifikanten Teil meiner Zeit und meiner Energie, dafür gibst du mir einen insignifikanten Teil deines Geldes, der für mich immer noch signifikant groß ist. Nun ist es aber so, dass mein Job eine Art von Kreativität erfordert, für die man eben ein gewisses Chaos braucht. Unterlagen brauchen Platz, genauso die Gedanken und manchmal Füße oder der Kopf, Schnapsflaschen und anderer Nippes gehören dazu. Bilder oder Memes natürlich auch. Das ist das eine.
Das andere ist, dass eine Clean-Desk-Policy nichts anderes ist als der Wunsch des Arbeitgebers nach noch stromlinienförmigeren Kostenstrukturen, die aber leider auf Kosten der Atmosphäre gehen. Ein Controller-Dulli-Ärgernis. Ganz abgesehen davon, dass das Ganze doch ohnehin zum Scheitern verurteilt und deshalb der Mühe nicht wert ist. Lol. 
Bastian Hosan

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Author: James Fond